Seit der Kindheit hören wir den Satz: „Lass los.“ Wenn wir etwas in der Hand halten, ist dieser Satz verständlich. Wir halten einen Gegenstand, eine Hand oder einen Menschen bei einer Umarmung fest. Dann können wir tatsächlich loslassen. Doch wenn es um Erinnerungen, vergangene Situationen oder Menschen geht, stellt sich eine andere Frage:
Was halten wir eigentlich fest? Die Person ist vielleicht längst nicht mehr da. Die Situation ist vorbei. Wir halten sie nicht körperlich in unseren Händen. Was bleibt, sind Gedanken, Erinnerungen und Gefühle. Gedanken können kommen und gehen. Erinnerungen tauchen auf und verschwinden wieder. Manche Gefühle tragen wir jedoch schon seit vielen Jahren in uns.
Manchmal begegnet uns ein Mensch, der genau diese Gefühle wieder berührt. Nicht unbedingt, weil er sie erschaffen hat, sondern weil sie bereits in uns waren. Die Person spiegelt uns vielleicht etwas, das schon lange gesehen werden wollte. Darum fühlt sich das Wort „freilassen“ für mich stimmiger an als „loslassen“.
Es ist frei. Es darf gehen. Freilassen bedeutet nicht, ein Gefühl wegzuschieben. Die Gefühle sind da und mit ihnen dürfen wir umgehen. Es bedeutet auch nicht, Erinnerungen auszulöschen. Sie dürfen ihren Platz haben, ohne das heutige Leben weiter zu bestimmen.
Ich muss nichts aus der Hand geben, weil ich es nicht in den Händen halte. Aber ich kann dem, was war, Freiheit geben. Und ich kann auch mich selbst freilassen. Nicht ich verliere etwas. Etwas wird frei. Mit dem Herzen können Menschen weiterhin verbunden sein. Freilassen bedeutet nicht, diese Verbindung zu zerstören. Es bedeutet, nicht mehr gegen das zu kämpfen, was war, und nicht mehr zu verlangen, dass es anders sein müsste.
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