Der Weg, den ich noch nicht sehen konnte

Als ich stehen blieb

Eine meiner Wahrnehmungen begann mit einer großen Menschenmenge. Ich sah viele Menschen, die alle in Bewegung waren. Sie gingen gemeinsam in eine Richtung, und auch ich befand mich mitten unter ihnen.

Zunächst ging ich einfach mit. Doch plötzlich blieb ich stehen.

Die Menschen um mich herum gingen weiter. Einer nach dem anderen zog an mir vorbei. Die Bewegung hörte nicht auf – nur ich bewegte mich nicht mehr mit.

Ich stand einfach da. Und in diesem Moment begann ich wahrzunehmen.

Es war, als hätte mein Stehenbleiben plötzlich Raum für Fragen geschaffen, die vorher, mitten in der Bewegung, keinen Platz hatten:

Passt das, was ich lebe, eigentlich noch zu mir? Ist es noch stimmig für mich? Ist es gut für mich? Bin ich glücklich? Bin ich zufrieden mit dem, was ich tue?

Die Menschenmenge zog weiter. Ich blieb stehen.

Der Ursprung

Dann richtete sich meine Aufmerksamkeit auf das, was ich in meiner Wahrnehmung als meinen Ursprung empfinde. Ich verband mich damit und fragte:

Wo möchte ich hin? Wo soll ich hin?

In diesem Moment veränderte sich mein Empfinden. Da waren Ruhe und Frieden. Ich nahm Fülle wahr, spürte Halt und eine tiefe Verbundenheit.

Ich war vollkommen bei mir und fühlte mich gleichzeitig nicht allein. Im Gegenteil. Es war, als würde ich wahrnehmen, dass alles miteinander verbunden ist.

Das Labyrinth

Dann schaute ich wieder auf mein Leben hier auf der Erde – und plötzlich zeigte sich mir ein anderes Bild.

Ein Labyrinth.

Ich sah mich darin und nahm wahr, wie meine Gedanken kreisten. Mitten in diesem Labyrinth konnte ich nicht erkennen, wo der Ausgang war. Ich sah nur das, was unmittelbar vor mir lag: die Mauern, den nächsten Gang, die nächste Abbiegung – aber nicht das Ganze.

Ich wusste nicht, welcher Weg mich hinausführen würde.

Dann betrachtete ich das Labyrinth noch einmal, aber diesmal aus der Verbindung mit meinem Ursprung. Und plötzlich veränderte sich meine Perspektive.

Ich konnte den Weg sehen.

Was ich mitten im Labyrinth nicht erkennen konnte, wurde aus dieser anderen Perspektive sichtbar.

Und auf diesem Weg erschien für mich ein Wort:

Heilung.

Also ging ich. Ich folgte dem Weg Schritt für Schritt, bis ich an einen Punkt kam, an dem er plötzlich endete.

Vor mir lag eine große Weite – und ein Abgrund. Kein weiterer Weg war zu sehen.

Das kleine Mädchen

Und dort sah ich plötzlich mich selbst. Nicht als die erwachsene Frau, die ich heute bin, sondern als kleines Mädchen.

Das kleine Mädchen saß am Rand des Abgrunds. Ihre Beine hingen in die Leere. Obwohl vor ihr kein weiterer Weg zu sehen war, hatte sie keine Angst.

Sie versuchte nicht, etwas zu erzwingen. Sie lief nicht zurück und suchte nicht hektisch nach einer anderen Möglichkeit.

Sie saß einfach da. Ganz ruhig. Und wartete.

Es war, als wüsste sie:

Im Moment geht es hier nicht weiter. Nicht, weil der Weg zu Ende ist, sondern weil der nächste Teil noch nicht sichtbar ist.

Dann sah das Mädchen etwas.

Ganz weit entfernt erschien etwas, das sich langsam auf sie zubewegte. Zuerst war es nur in der Ferne zu erkennen, doch je näher es kam, desto deutlicher wurde es.

Es sah aus wie ein Puzzleteil – wie ein fehlendes Stück des Weges.

Das kleine Mädchen entdeckte es schon von Weitem. Und plötzlich war da diese Freude:

„Ich sehe ihn! Ich sehe ihn!“

Sie sah den nächsten Teil ihres Weges kommen. Aber er war noch nicht bei ihr. Also blieb sie sitzen und beobachtete, wie er näher kam.

Immer näher.

Bis dieses Puzzleteil schließlich den Abgrund erreichte.

Und dann:

Puff.

Es rastete genau dort ein, wo vorher nur Leere gewesen war.

Der nächste Teil des Weges lag nun vor ihr.

Erst jetzt stand das kleine Mädchen auf und ging weiter.

Warum ein kleines Mädchen?

Diese Frage kam mir erst später. Warum hatte ich mich dort ausgerechnet als kleines Mädchen gesehen?

Heute habe ich meine eigene Wahrnehmung dazu.

Vielleicht, weil Kinder einem Moment noch anders begegnen als wir Erwachsene.

Wir tragen unsere Erfahrungen, Erlebnisse, Enttäuschungen und Prägungen mit uns. Wir denken voraus, suchen nach Lösungen und möchten wissen, was passieren wird und wie es weitergeht.

Das kleine Mädchen in meiner Wahrnehmung tat all das nicht.

Da waren Leichtigkeit, Ruhe und Geduld.

Sie musste den nächsten Teil des Weges nicht erzwingen. Sie musste nicht wissen, wann er kommen würde. Als sie ihn aus der Ferne sah, war da einfach Freude.

Vielleicht wurde mir deshalb dieses kleine Mädchen gezeigt.

Vielleicht stand es für etwas, das wir im Laufe unseres Erwachsenwerdens manchmal verlieren: die Fähigkeit, einem Moment zu begegnen, ohne ihn sofort mit all unseren bisherigen Erfahrungen und Prägungen zu bewerten.

So sehe ich dieses Bild heute. Es ist meine heutige Betrachtung dessen, was ich in diesem Moment wahrgenommen habe.

Was mir geblieben ist

Wenn ich an diese Wahrnehmung zurückdenke, bleibt für mich vor allem ein Gedanke:

Nicht immer muss ich wissen, wie es weitergeht.

Manchmal endet etwas, bevor das Neue bereits sichtbar ist. Und vielleicht ist gerade dieser Raum dazwischen für uns Erwachsene so schwer auszuhalten.

Wir möchten Antworten. Wir möchten wissen, was als Nächstes kommt und wohin unser Weg führt.

Doch das kleine Mädchen in meiner Wahrnehmung brauchte diese Antworten nicht. Es blieb dort, wo es war, schaute in die Weite und wartete.

Vielleicht ist das, was wir manchmal als Stillstand empfinden, gar kein Stillstand.

Vielleicht ist der nächste Schritt einfach noch nicht sichtbar.

Und vielleicht braucht es in solchen Momenten nicht sofort eine Lösung. Vielleicht dürfen wir für einen Moment wahrnehmen, wo wir gerade stehen – und darauf vertrauen, dass sich der nächste Schritt zeigen darf, wenn er da ist.

Ich muss nicht immer den ganzen Weg sehen, um zu wissen, dass mein Weg weitergeht.

Fortunatas Tagebuch – Meine Wahrnehmung

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